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Der Plan: Mama soll nen Brief schreiben

„Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihr von deinen Plänen.“

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Herzlich Willkommen zur neuen Ausgabe von Mediapreneur.fm (Öffnet in neuem Fenster) - den Newsletter über die Pläne von Mediamakern – und was passiert ist, als diese Pläne auf die Realität getroffen sind.

Die heutige Ausgabe stammt aus der Feder von Thomas Lorenz, dem Gründer von Brief-nach-Berlin. Lesedauer: Rund 6 Minuten.

Und los geht’s…

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Mein ursprünglicher Plan bestand aus einem Gedanken:

„Wer nutzt das? Meine Mutter und vielleicht zwei, drei Leute hier und da.“ Damit lag ich falsch. Nur anders, als ich es mir heute schönreden würde.

Der Plan: Mama soll nen Brief schreiben

Anfang des Jahres war ich bei meiner Mutter in Duisburg. Sie hat sich mal wieder über Probleme in der Nachbarschaft, den verdreckten Gassiweg und die Politik aufgeregt (ggf. auch zu Recht). Ich hab frech gefragt: „Warum schreibst du nicht deinem Abgeordneten? Die Zeit hast du doch.“

Die Antwort war ein Blick, der ungefähr hieß: „Wer ist das, wo sitzt der, und was schreib ich da überhaupt? Aber bringt ja eh nix.“ „Alles Ausreden in Zeiten von Internet und KI“, dachte ich.

Also hab ich mit KI ein kleines Tool gebaut, das ihr die Ausrede nahm: Anliegen schildern, PLZ eingeben, die zuständigen Abgeordneten werden gefunden und man bekommt einen Briefentwurf. Brief-nach-Berlin war geboren. Ihren Brief hat sie per Hand geschrieben (da besteh ich drauf!) und abgeschickt. Ein paar Wochen später rief das Büro ihres Bundestagsabgeordneten an, kam sogar vorbei, ihr Gassiweg wurde komplett bereinigt. Mutter strahlt!

Ich dachte: „Nettes Familienprojekt, steckt mehr dahinter?“

Fehlannahme 1: Ein Hype ist ein Durchbruch

Zurück in Bremen hörte ich beim Kochen den Podcast „Lage der Nation (Öffnet in neuem Fenster)“. Die Hosts fragten, ob einige aus ihrem Publikum mal in einer Bürgersprechstunde waren oder man seinen Abgeordneten geschrieben hätte. Mein Projekt klingelte in meinem Kopf. Sofort hatte ich eine Sprachnachricht an die Lage geschickt – ehrlich gesagt vor allem, um mir selbst eine Deadline zu setzen. Danach hab ich etwa zwei Wochen nach Feierabend an Brief-nach-Berlin weitergeschustert, die Website verschönert und mit Freunden getestet.

Mitte Mai erwähnt die Lage das Tool in der Sendung. Ich musste dreimal zurückspulen. „Warte, reden die da über mich?“ Am nächsten Morgen wache ich zu über 100 neu formulierten Briefen auf. Mein LinkedIn-Post dazu bekommt über 1.500 Reaktionen. (Öffnet in neuem Fenster) Dann kommen Weser-Kurier (Öffnet in neuem Fenster), Funke, eine dpa-Meldung (Öffnet in neuem Fenster), Radio.

Und ich dachte: Jetzt geht's ab.

Was ich nicht wusste: Aufmerksamkeit kommt in Wellen. Und Wellen gehen wieder. Ein paar Wochen nach der dpa-Meldung war der Hype rum. Für neue Wellen bin ich nun selbst verantwortlich.

Fehlannahme 2: Das Produkt ist die Arbeit

Ich kann nicht programmieren. Das sag ich gern, weil es stimmt und weil es inzwischen fast egal ist. Die ersten rund 2.200 Briefe haben mich zusammen 2,70 € gekostet. Dazu noch etliche Stunden Zeit und ein paar Testgutscheine von Claude. Der Code war also nicht das Problem, die Infrastruktur an sich ist schlank gebaut.

Das Problem war alles abseits der Technik: Wie kommt der Link zu den Menschen, die gerade wütend auf die Politik sind und nicht wissen, wohin damit? Wie spreche ich Influencer an? Muss ich jetzt selber Videos drehen oder posten?

Ich bin ziemlich unvorbereitet ins Sales-Game gestartet. Mein Pitch an Menschen mit Reichweite war anfangs ungefähr: „Hey, du hast Reichweite, ich hab ein gratis Tool was vielen hilft. Willste das teilen?“ Wer selbst Sales-Erfahrung hat, zuckt jetzt vermutlich zusammen. Zu Recht.

Ein paar Momente, die mir viel beigebracht haben:

  • Eine Podcasterin hat mir im Vorgespräch offen gesagt, sie sei ein bisschen enttäuscht, weil ich mich nicht richtig vorbereitet hatte. Ich kannte aus ihrem Podcast genau einen Schnipsel. Sie hatte recht. Unangenehm, und trotzdem eines der hilfreichsten Gespräche meines Sommers.

  • Ein Comedy-Format wollte einen Brief-Aufruf einbauen. Zum vereinbarten Call kam niemand. Danach auch keine Nachricht mehr. Geghostet werden ist doof - dabei dachte ich, ich liefere ihnen den perfekten Call to Action, damit Menschen zum Abschluss eines Textes direkt ins Handeln kommen können und mache ihren Content damit kostenlos und ohne großen Mehraufwand noch wertvoller?

  • Bei der dpa hab ich dagegen einfach so lange nachgehakt, bis jemand geantwortet hat. Über die Meldung bin ich dann in viele Zeitungen reingerutscht. Tiptop!

Was ich daraus mitnehme: Reichweite gibt's nicht auf Anfrage. Egal wie überzeugt man von der eigenen Idee ist („Ey, ist umsonst und ich war in der Lage“ zieht nicht). Man muss vorher verstehen, was die andere Seite davon hat und vor allem, wie man pragmatisch die Balance zwischen Qualität und Quantität findet. Klingt für viele banal, in der frühen Begeisterung ging das bei mir unter.

Fehlannahme 3: Weniger Hürde ist immer besser

Kleiner Exkurs, weil ich da heute noch schmunzeln muss: Am Anfang kamen Mails, warum man den Brief nicht als Word-Datei oder PDF bekommt. Ausdrucken, unterschreiben, fertig.

Das ist Absicht: Der KI-Entwurf soll zu einem handgeschrieben Brief führen, die Angst vor dem weißen Blatt und dir eine Ausrede nehmen. Ein bisschen Arbeit ist der Filter. Handgeschriebene Briefe fallen in Abgeordnetenbüros auf, und beim Abschreiben passiert auch etwas mit einem selbst: Man kommt vom Betroffen-Sein ins aktive Handeln und erfährt demokratische Selbstwirksamkeit. Win Win!

Also: Hürde runter, aber nicht auf null. Das hab ich mir allerdings nicht vorher überlegt. Beschwerden bestätigen die Regel.

Wo ich heute stehe

Über 3.000 Briefe sind inzwischen über Brief-nach-Berlin entstanden. Statt Mama und zwei, drei Leuten hier und da.

Aus dem Tool für Einzelne sind Briefkampagnen für NGOs geworden: Eine Initiative kann ein Anliegen vorverfassen und viele Menschen schreiben dazu ihre eigenen Briefe an ihre Abgeordneten. Bei einer Kampagne zum AfD-Prüfverfahren kamen in zwei, drei Wochen knapp 500 Briefe zusammen (Öffnet in neuem Fenster). 

Was die Briefe bewirken (in Politik und bei den Verfassern), weiß ich übrigens oft nicht. Ich speichere bewusst keine Daten und wollte am Anfang einfach nur Leute aktivieren. Inzwischen frag ich nach. Meine Mutter ist mittlerweile Demokratie-Fan Nummer 1 in Duisburg, Sätze wie „Ich hab gestern mit Brief-nach-Berlin meinen ersten Brief an die Politik geschrieben“ oder „Ich hab ne Antwort bekommen, mit der ich nicht happy bin und schreibe gleich nochmal“ motivieren volle Möhre.

Und ich führe fast jeden Tag ein Gespräch mit Menschen aus Medien, NGOs, Podcasts und Tech. Das ist der Teil, den ich am meisten unterschätzt habe. Die Perfektion am Tool ist am Ende eher Prokrastination, der Outreach ist die eigentliche Arbeit. 

Mein Plan und das, was davon übrig bleibt

„Life is what happens to you while you’re busy making other Plans” sang eins John Lennon. Mal schauen, wie mein Leben in den nächsten Monaten diesen Plan herausfordert:

  1. Kampagnen statt Einzelwellen. Mehr NGOs, die mit ihren Communities Briefkampagnen fahren. Dann hängt Brief-nach-Berlin nicht mehr an der nächsten Podcast-Erwähnung, sondern wird von den Initiativen an ihr Publikum getragen.

  2. Eine Schulversion. Mit DigitalSchoolStory (Öffnet in neuem Fenster)aus der Bildungsarbeit teste ich, wie ganze Klassen Briefe an ihre Lokalzeitung schreiben. Dazu kommt bald eine Seite, die Schülerinnen und Schülern hilft, ihre so wichtigen Themen in die Politik zu bringen.

  3. Finanzierung, die zur Idee passt. Spenden und Förderung, damit das Projekt nachhaltig finanziert bleibt. Kein Werbegeld, keine Daten.

  4. Reichweite über Partnerschaften statt Klinkenputzen. Und diesmal sogar mit mehr Erfahrung und besser vorbereitet.

Meine Prognose: Punkt 2 dauert doppelt so lange wie gedacht, Punkt 3 hält mich nachts wach, und bei Punkt 4 schreibe ich locker noch einmal „lass mal treffen“, ohne vorher nachzudenken.

Und du?

Wenn du einen Newsletter, Podcast oder eine Community hast, deren Leute sich oft über Politik aufregen und nicht wissen, wohin damit: Vielleicht passt ein Aufruf zum Briefeschreiben? Ich überleg diesmal vorher, was du davon hast. Versprochen 😉

Und wenn du Feedback zu meinen Plänen hast oder gemeinsam mit mir darüber lachen willst, weil du dieselben Fehler schon vor zehn Jahren gemacht hast: Auch das hilft mir sehr. Schreib mir gern auf LinkedIn (Öffnet in neuem Fenster) oder an brief-nach-berlin@posteo.de (Öffnet in neuem Fenster).

Danke dir, Sören, für die Einladung. Und danke an alle, die bis hierhin gelesen haben.

Allerbeste Grüße und viel Spaß beim Briefe schreiben

Thomas aus Bremen

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Kategorie Magazin