Hallo und herzlich Willkommen zur 33. Ausgabe „Mediapreneur“.
Hier schreiben Sören Mannschitz und David Reiter jede Woche für Medienschaffende, die unabhängig publizieren.
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(Öffnet in neuem Fenster)Vor zwei Jahren bin ich auf einer Hochzeit mit einem pensionierten Schreiner ins Gespräch gekommen. Typ Harleyfahrer, Spitzname “Bomber”. Er hat mir davon erzählt, wie er sich ein runtergekommenes Bauernhaus in Brandenburg gekauft hat. Wie er es renoviert hat. Und wie glücklich er damit ist, dieses Haus jetzt als seinen Alterswohnsitz zu haben. Wir haben uns gut verstanden. Bis er mich gefragt hat, was ich denn beruflich mache.
“Ich verkaufe Werbung.”
Vielleicht kannst du dir seine Reaktion vorstellen. Sein ganzer Körper zuckte leicht nach hinten. Seine obere Gesichtshälfte, von den Nasenflügeln bis zu den Augenbrauen, schoss in die Höhe. Und seine Augen? Gefüllt von einer Mischung aus Ungläubigkeit und Ekel.
“Son Werbefutzi?”
Da war mir klar: Als Journalist war es manchmal schon nicht leicht. Aber gesellschaftlich bist du mit deinem Beruf jetzt wirklich ganz unten angekommen, direkt zwischen Politiker und Versicherungsmakler (beides bewusst nicht gegendert). Weiter runter geht’s nicht. Dachte ich. Wir haben die Hochzeit dennoch genossen.

Seit einem Jahr weiß ich, dass ich mich damals getäuscht habe. Denn was lässt dich mit einem noch größeren Handicap in ein Gespräch mit Bomber starten, als “Ich verkaufe Werbung" ?
Es ist der Satz, der mir seit einem Jahr über die Lippen kommt:
“Ich bin Sales Coach für Werbung verkaufen.” 😱😱😱
Letzten Donnerstag war ich beim Media Maker Meet-up von Steady. Ein lockeres Treffen in dem Coworking-Space, in dem Sebastian Esser und sein Team ihre Zelte aufgeschlagen haben. Wenn ich Sebastian richtig verstanden habe, dann wollen sie das jetzt öfter veranstalten. Wenn du also in Berlin ansässig oder zumindest regelmäßig vor Ort bist, kann ich dir sehr empfehlen, dort mal vorbeizuschauen. Sicherlich wird Sebastian den nächsten Termin auch in seinem Newsletter Blaupause ankündigen, den du, wenn du es nicht eh schon längst getan hast, unter diesem Link
Zum Blaupause Newsletter (Öffnet in neuem Fenster) abonnieren kannst.
Bei Steady habe ich (u.a.) Frank Joung vom Podcast “Halbe Katoffl (Öffnet in neuem Fenster)” kennengelernt und im Gespräch mit ihm wurde mir nach und nach klar, was ich in diesem ersten Jahr so alles erlebt habe. Im Alltag nimmt man sich ja doch viel zu selten mal die Zeit, innezuhalten und zurückzublicken. Daher hier mal ein kleiner Überblick:
Größter Misserfolg:
Der Plan war einfach. Wir wollten mit einer Kohorte von zehn Media Makern / Teams ins Jahr starten und sie fit machen für 2026. Am Ende standen wir zwar mit fast einem Dutzend Interessierten da. Aber für niemanden hat unser Kohorten-Angebot hundertprozentig gepasst. Ergebnis: Null Anmeldungen. Daraus folgte meine größte Erkenntnis 2026.
Größe Erkenntnis:
Erst in den Gesprächen rund um die Kohorte wurde mir klar, wie groß die Unterschiede sind zwischen
A) Media Makern, die bereits mit Sponsoren und Werbepartnern zusammengearbeitet haben
und
B) Media Makern, die bisher nur eine grobe Vorstellung davon haben, wie so eine Zusammenarbeit abläuft.
Ich dachte, ich könnte einfach durch das System führen und mit den Vertreter:innen der A)-Gruppe an den Bereichen arbeiten, die noch verbessert werden können, während die B)-Gruppe einfach den kompletten Prozess baut.
Kurz zum Verständnis: Werbung verkaufen folgt einem einfachen System. Und mit „einfach“ meine ich nicht zwingend leicht, sondern die logische Struktur dahinter. In der Systemtheorie spricht man von einem klaren, linearen System. Das bedeutet: Es gibt eine direkte Kausalität. Ursache A führt immer zu Wirkung B. Du kannst diesen Prozess im Grunde wie eine Checkliste durchgehen. Und wenn an einer Stelle (noch) nicht die nötigen Ergebnisse herauskommen um mit dem nächsten Schritt weiterzumachen, dann weißt du genau, wo du nachbessern musst.
Media Maker, die bereits mit Sponsoren und Werbepartnern zusammengearbeitet haben, kennen den Ablauf bereits. Sie wissen, dass es für ihr Projekt schon funktioniert hat, welchen Wert eine Kooperation für sie (mindestens) hat und meist auch, wo es bei ihnen hakt bzw. dass sie wahrscheinlich noch Geld liegen lassen. Die eigentliche Herausforderung ist es hier, gemeinsam einen Zeitplan zu entwickeln, der zu und in den Terminplan der Media Maker passt.
Bei Media Makern, die bisher nur eine grobe Vorstellung davon haben, wie so eine Zusammenarbeit abläuft, sieht das komplett anders aus. Sie wissen noch nicht, ob das für ihr Projekt funktioniert und sie wissen nicht, welchen Größenordnungen Kooperationen und Werbepartnerschaften für sie haben werden. Und ich? Ich weiß es natürlich auch nicht. Ich kann nur meine Einschätzung dazu teilen. Aber am Ende steht jeder Media Maker allein vor der Entscheidung - und auch wenn ich mich regelmäßig in einer Situation wiederfinde, in der ich am liebsten Mut zusprechen möchte. Letztlich muss Jeder und Jede den Schritt selbst gehen. Ich bin einfach kein Motivationstrainer. Und ich will auch keiner sein. Auch wenn das natürlich verlockend klingt auf meiner Reise ans untere Ende der gesellschaftlichen Akzeptanz: “Motivationsguru Sales Coach für Werbung verkaufen”. 😅
Kurzum: Gruppe A) ist mein Alltagsgeschäft. Einfach. Sicher für alle Beteiligten. Könnte ich auch, wenn du mich nachts um drei weckst. Bei Gruppe B) hingegen geht mir das Herz ganz besonders auf. Denn da kann ich den größten Unterschied machen. Und Mediamakern bei ihren ersten Schritten helfen hat mich auch zu meinem schönsten Format geführt.
Schönstes Format:
DAS Nadelöhr bei der Akquise von Sponsoren und Werbepartnern ist die Kontaktaufnahme. Wen spreche ich an? Und wie schaffe ich es, dass die auch mit mir sprechen? Um dabei zu helfen, haben wir Ende April einen Guide zur Ansprache von Werbekunden veröffentlicht. Für mich das erste Mal, dass ich so einen Guide erstellt und veröffentlicht habe. Klar war da auch Unsicherheit, ob wir da alles vermittelt bekommen. Daher haben wir vier Wochen lang einmal die Woche ein kostenloses “Open Office” angeboten. Also einen Call, der vier Stunden lang offen ist und in den sich alle jederzeit dazuschalten konnten, damit sie ihre Fragen beantwortet und bei konkreten Herausforderungen Hilfe bekommen. Also nicht nur bei der Ansprache. Sondern wirklich zu allen Fragen rund um Sponsorings und Werbepartnerschaften. Vier Stunden Beratung Non-Stop. Mit bis zu zehn Leuten gleichzeitig. Und das hat nicht nur den Media Makern weitergeholfen (vielen Dank für das tolle Feedback!). Sondern das hat mir auch jedes Mal so viel Energie gegeben. Genug, um es vier Stunden am Stück durchzuziehen. (Danach war die Energie-Bilanz in etwa bei Plus/Minus Null :)). Das würde ich gern fortführen. Denn in diesen Beratungen hatte ich auch meinen persönlich schönsten Erfolg.
Schönster Erfolg:
Eine Mensch aus dem Bildungsbereich, ich nenne ihn mal Peter*, kam mit folgender Herausforderung in den Call: Er stand schon seit Monaten mit einem Unternehmen im Austausch und wollte unbedingt mit diesem Unternehmen zusammenarbeiten. Das Unternehmen hatte auch entsprechende Signale gesendet und bereits ein Budget in Höhe von 4.000 Euro in Aussicht gestellt. Doch irgendwie kam es nie zum Abschluss - und aus dem Unternehmen kamen immer größere Wünsche dazu, was es denn für diese 4.000 Euro gibt. Ich habe Peter empfohlen auf die einzelnen Wünsche und Ziele einzugehen, dafür individuelle Pakete anzubieten - und diese dann je nach Umfang auch mit mehr als die genannten 4.000 Euro zu bepreisen. Es war ihm mega unangenehm, weil der Kunde ja explizit diese Summe genannt hat. Peter ist dann in sich gegangen und hat sich dazu durchgerungen. Ich habe gesehen, wie er damit gekämpft hat. Doch er hat es gewagt. Und gewonnen. Letztlich hat er sich so nicht mehr unter Wert verkauft, indem er dem Kunden aufgezeigt hat, was diese ganze einzelnen Wünsche für einen Wert haben - und am Ende ein Paket für 6.000 Euro verkauft. 2.000 Euro mehr für Peter. Und für mich das Vergnügen sehen zu dürfen, wie die Person eine Mauer durchbrochen hat, von der sie die ganze Zeit aufgehalten wurde. 🙏🏼❤️🙏🏼
Mein Wunsch für die nächsten zwölf Monate:
Wie soll es nun also weitergehen auf meiner Reise ans untere Ende der gesellschaftlichen Akzeptanz? Für das kommende Jahr habe ich mir vorgenommen, das Open Office-Format wieder anbieten zu können. Allerdings fehlt mir dazu noch die Gegenfinanzierung. Vielleicht kann ich es wieder an weitere Guides mit anhängen. Oder ich finde einen Partner, der mich dabei unterstützt. (Ich denke da an Medienförderungen, Stiftungen oder Organisationen/Unternehmen, die direkt mit Mediamakern zusammenarbeiten). Der Plan steht jedenfalls. Und ich bin gespannt, in welche Gespräche er mich diesmal führt…
Frische Grüße von ganz unten
sendet dir
Sören
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